Schnittstellenrolle der KitaleitungWo die Fäden zusammenlaufen

Die Unterstützung des Trägers einholen, mit der Kritik von Eltern umgehen, Wünsche der pädagogischen Fachkräfte berücksichtigen – bei Josephine Panzer laufen die Fäden zusammen. Sie ist die Leiterin der städtischen Kita Regenbogenland im sächsischen Rötha und muss bei allen Anliegen den Überblick behalten.
Josephine Panzer telefoniert und schaut auf einen Plan, der an der Wand hängt.

kurz & knapp

+ Kitaleitung mit Erwartungen von verschiedenen Seiten konfrontiert

+ Klare, offene und gleichzeitig empathische Kommunikation als Schlüssel

+ Stellvertretung als wichtige Ressource im Umgang mit Belastungen

Josephine Panzer schaut in den Dienstplan, den sie gemacht hat: Wer übernimmt morgen den Bauraum? Wer begleitet die Eingewöhnungskinder? Wer ist für das Kinderrestaurant eingeteilt? „Offene Arbeit muss klar strukturiert sein“, sagt die Leiterin der inklusiven Kita Regenbogenland. „Die Organisation ist meine Aufgabe: Alle müssen wissen, was sie den Tag über zu tun haben.“ 

Mit Platz für mehr als 180 Kinder inklusive acht Integrationsplätzen sowie 26 pädagogischen Fachkräften gleicht ihr Alltag oft einer Jonglage. Ein Krankenschein, eine spontane Nachfrage der Stadtverwaltung oder ein Elternanruf – schon kippt die sorgfältig geplante Balance. „Wichtig ist es, flexibel zu bleiben, aber immer das Kind im Blick zu haben“, betont Panzer. Ihr Leitsatz lautet: Bindung vor Bildung. Jedes Kind bekommt die Zeit und Zuwendung, die es braucht. Wenn die Not groß ist, springt sie auch selbst im Gruppendienst ein.

Ein schwieriger Start

Als Josephine Panzer vor zehn Jahren mit gerade einmal Mitte 20 die Leitung übernahm, traf sie auf festgefahrene Strukturen. Acht überfüllte Gruppen, starre Abläufe, wenig Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse. „Das war schon immer so“ war der Satz, den sie am häufigsten hörte. Schlafenszeit war dann eben Schlafenszeit und die Kinder hatten zwei Stunden ruhig und leise zu sein – egal, ob sie nun müde waren oder nicht.

Die Versuche der jungen Leiterin, pädagogische Konzepte moderner und kindorientierter zu gestalten, stießen damals auf massiven Widerstand – im Team wie bei den Eltern. „Da gab es wenig Raum für Veränderungsprozesse oder für einen Perspektivwechsel“, erinnert sie sich. „Es war am Anfang keine leichte Zeit für mich.“

Der lange Atem zahlt sich aus

Schritt für Schritt schaffte sie es, Haltung und Strukturen zu verändern und die Einrichtung dorthin zu bringen, wo sie heute ist. Eine große Unterstützung war damals ihre Stellvertreterin Sandra Zimmerling, die momentan in Elternzeit ist. Außerdem halfen ihr Fachberatung, der Rückhalt des Trägers – und ein langer Atem. Der Lohn folgte im Jahr 2024 mit der Auszeichnung als „Kita des Jahres“ für das offene Konzept.

Das wird mittlerweile gut angenommen: „Alle Eltern, die ihre Kinder zu uns bringen, haben sich bewusst für uns und unser Konzept entschieden“ betont Josephine Panzer. Statt Ablehnung erfährt sie nun viel Wertschätzung für den Ansatz der bedürfnisorientierten Pädagogik, bei der alle Bildungsbereiche den gleichen Stellenwert genießen.

„Stell dir vor, das wäre dein Kind“

Auf dem Weg dorthin war in der Kleinstadt nahe Leipzig viel Überzeugungsarbeit notwendig. Das gelang nur durch gute Kommunikation – das wichtigste Mittel für die Kitaleiterin in ihrer Schnittstellenfunktion zwischen Träger, Eltern und eigenem Team. Josephine Panzer setzt dabei auf Offenheit, Transparenz, Empathie und gleichzeitig klare Ansagen: „Manchmal hilft nur die Frage: Stell dir vor, das wäre dein Kind. Wie würdest du dich fühlen?“

Diese Haltung prägt auch die interne Kultur: wertschätzend, lösungsorientiert, mit klarer Fehler­ und Reflexionskultur – und immer auch mit einer Prise Humor. „Solange das gelingt, schaffen wir es als Team auch, besondere Herausforderungen wie krankheitsbedingte Engpässe oder Ähnliches zu bewältigen.“

Nicht alle Erwartungen lassen sich erfüllen 

Bei der täglichen Arbeit wird Josephine Panzer mit den unterschiedlichsten Erwartungen konfrontiert. Beispiel Eltern: „Die eine Mutter möchte gerne anderthalb Stunden durch das Haus laufen und selbst die Erziehungsarbeit vorgeben. Die andere gibt ihr Kind ab und macht sich dann sofort auf den Weg zur Arbeit“, veranschaulicht sie. „Wir versuchen, alles so individuell wie möglich zu regeln und im Rahmen unseres Konzepts umzusetzen.“

Nicht alle Erwartungen kann sie erfüllen. Das gilt auch gegenüber den Fachkräften, deren individuelle Stärken und Wünsche sie bei der Dienstplangestaltung zu berücksichtigen versucht. „Manchmal muss ich Erwartungen enttäuschen“, sagt Josephine Panzer. Sie begreift sich im Arbeitsalltag zwar als Kollegin, aber die endgültigen Entscheidungen trifft im Zweifelsfall sie als Leitung. „Ich kann nicht immer alle glücklich machen. Aber ich kann erklären, warum ich wie entschieden habe.“

Neues Konzept und Neugestaltung der Räume 

Von der pädagogischen Neuausrichtung sind inzwischen alle in der Kita Regenbogenland über-zeugt – das Team wie die Eltern. Das bedingte eine Umgestaltung der Räume. Ergebnis: Die Kinder haben jetzt mehr Platz, um sich auszuprobieren. Auch das Schlafkonzept funktioniert nur deshalb so reibungslos und flexibel, weil die jüngeren Kinder mit höherem Schlafbedürfnis in die erste Etage gezogen sind und die älteren Kinder nun im Erdgeschoss untergebracht sind. Oben ist Ruhe, während unten getobt werden kann. „Alle merken, dass es den Kindern guttut“, sagt Panzer.

Insbesondere die Zeit des Umbruchs war sehr kräftezehrend. Doch die Belastungen sind auch im Tagesgeschäft groß, wenn beispielsweise die Krankheitswelle anrollt und Personalmangel droht. „Seit zehn Jahren kann ich das ganz gut wegstecken, aber man muss natürlich auf sich aufpassen“, sagt Panzer. Die gute Zusammenarbeit mit dem Träger, den Eltern und dem Team sind ihre Motivation, vor allem aber der Blick für das Wohlergehen der Kinder. Energie holt sie sich aus dem Familien­ und Freundeskreis. Und ganz wichtig: „Meine größte Ressource im Job ist das Leitungstandem.“ Derzeit ist Diana Scheller ihre Stütze, die Sandra Zimmerling während ihrer Elternzeit vertritt. Geholfen hat außerdem die Installation von drei Teamleiterinnen, die als zusätzliches Bindeglied zwischen der Leitungsebene und dem Team vermitteln und die Kommunikation erleichtern.

Diana Scheller und Josephine Panzer am Schreibtisch.
Diana Scheller bildet derzeit zusammen mit Josephine Panzer das Leitungstandem.

Ohne Vertrauen des Trägers geht es nicht

Das Vertrauen seitens des Trägers hat Josephine Panzer immer gespürt, auch in der anstrengenden Zeit der Neuausrichtung: „Ohne geht es nicht.“ Sie pflegt auch zu Bürgermeister und Stadtverwaltung ein gutes Verhältnis, wobei sich der Kontakt meist auf die notwendigsten Aspekte der Zusammenarbeit beschränkt, Neuanmeldungen von Kindern oder Materialbestellungen beispielsweise. „Jeder Träger ist wohl grundsätzlich froh, wenn er von seiner Kita relativ wenig hört. Dann weiß er, dass es gut läuft.“ 

Über den Träger landen auch Arbeitsschutzthemen auf ihrem Tisch: Der Lärmschutz ist ein besonders wichtiges Thema, da die Akustik in dem Altbau nicht die beste ist. Das Preisgeld des Deutschen Kita­Preises will das Regenbogenland in Schallschutz an Decken und Wänden investieren. Wobei Josephine Panzer umtriebig nach Sponsoren sucht – vielleicht lässt sich dadurch die Akustik in nochmehr Räumen verbessern.

Erwartungen, Konflikte und Vision

Der Anruf bei Förderern ist nur einer von vielen in der Arbeitswoche von Josephine Panzer. Sie ist als Organisatorin und als Pädagogin gefragt. Darüber hinaus als Netzwerkerin, die zum Träger, zum Kita­Förderverein, zu Schulen, zu lokalen Betrieben und Behörden sowie zu Fortbildungsinstituten Kontakt hält. Ihre Schnittstellenrolle bedeutet, Erwartungen zu balancieren, Konflikte auszuhalten und trotzdem die pädagogische Vision nicht aus den Augen zu verlieren. „Am Ende geht es darum, dass Kinder hier eine gute Zeit haben.“

Aktuelle Neuigkeiten sowie nützliche Informationen erfahren Sie in unserem News-Archiv.
Mehr News

ePaper

Aktuelle Ausgabe

  • Zwischen Verantwortung und Delegation
  • Die Leitung in der Schlüsselrolle 
  • Wo die Fäden zusammenlaufen

ePaper Archiv

Sie interresieren sich für ältere ePaper-Ausgaben?

Dann schauen Sie einfach hier in unserem Archiv vorbei.

Mehr erfahren